Sieben, dreizehn und was nun? Eberhardt und Jarmer ermitteln packend im Granther-Experiment

Gerade ist der zweite Band über das Ermittler Duo Eberhardt und Jarmer erschienen. Den Autoren Florian Schwiecker und Michael Tsokos gelingt ein packender Krimi, der diesmal einen Skandal der Berliner Verwaltung aufarbeitet. Auf jeden Fall lesen!

Eberhardt und Jarmer kennen sich vom Fall Nölting (Band 1 der Reihe) und sind dort Freunde geworden. „Die 7. Zeugin“ war der erste Fall vom Ermittler-Duo Rocco Eberhardt und Justus Jarmer. Der neue Band heißt „Der 13. Mann“, was kann danach als Titel noch kommen? Höchstens noch „Der 66. Tote“ und „Die 999. Akte“. Der 13. Mann bezieht sich auf Untersuchungen die besagen, dass jeder dreizehnte Junge und jedes fünfte Mädchen im Laufe seines Lebens Opfer von sexuellem Missbrauch wird. Schwieker und Tsokos alias Eberhardt und Jarmer nehmen sich hier einem wichtigen Thema an und verpacken es in einen Justiz-Krimi.

Florian Schwiecker & Michael Tsokos; Der 13. Mann, Justizkrimi, Taschenbuch, 12,99 EUR;
Knaur Taschenbuch; erschienen am 01.03.2022, ISBN 978-3-426-52844-0

Anja Liebig, Journalistin bei der Berliner „Tagespost“, hat Angst um ihren Informanten Jörg Grünwald. Jörg Grünwald und Timo Krampe haben die Journalistin aufgesucht, um ihr ein Interview über einen Pädophilen-Skandal zu liefern, der von der Berliner Verwaltung verursacht wurde. Der Begriff „Granther-Experiment“ geistert nebulös durch den Raum. Anja Liebig sucht Hilfe bei Rechtsanwalt Rocco Eberhardt, weil sie mit Ihrem Latein am Ende ist. Rocco und sein Best-Buddy und Privatdetektiv Tobias Baumann beginnen Jörg Grünwald zu suchen. Damit sind Eberhardt und Jarmer im Spiel.

Jörg Grünwald wurde mittlerweile als Wasserleiche aus dem Berliner Landwehrkanal gezogen, das ist aber noch nicht allgemein bekannt, und so suchen Eberhardt und Jarmer und Tobias nach dem Informanten Jörg Grünwald. Die Kapitel sind teils schnell geschnitten, Kapitel 2 dauert gerade 2 Seiten, den Rekord liefert Kapitel 73 mit einer dreiviertel Seite. Hier soll vermutlich der Eindruck einer sich um Eberhardt und Jarmer schnell entwickelnden Handlung vermittelt werden, wobei die tatsächliche Handlung sich erst Stück für Stück entwickelt. Wird die Leiche von Grünwald denn nun gefunden, oder nicht? Was ist das nun mit dem Granther-Experiment? Gibt es das wirklich und wer ist darin verstrickt? Können Eberhardt und Jarmer Licht ins Dunkel bringen?

Mein Tipp: Das Nachwort ganz am Anfang lesen, dann schaudert einen die Lektüre noch viel stärker!!! Der reale Hintergrund des Eberhardt und Jarmer Krimis alleine verursacht schon Gänsehaut. Das im Buch beschriebene Granther-Experiment steht symbolisch für das Kentler-Experiment, was wirklich passiert ist. Bitte entschuldigt, aber ich muss hier ein paar Eckpunkte dazu schreiben, weil ich es sehr gut finde diesen Fall im Eberhardt und Jarmer Krimi zu thematisieren. Bei dem Skandal wurden Kinder gezielt an vorbestrafte pädophile Pflegeväter vermittelt. Nicht als Fehler oder aus Unachtsamkeit, sondern ganz gezielt als Experiment. Das hört sich erst einmal so krude und pervers an, dass es nur Eberhardt und Jarmer Fiktion sein kann. Allerdings ist die reale Vorlage dazu das Wirken des Sozialpädagogikprofessors Helmut Kentler.

Alleine dafür ist es toll, dass sich die beiden Autoren den Fall als Vorbild für ihren Eberhardt und Jarmer Band genommen haben. Wie kann es sein, dass mit Unterstützung der Jugendämter Kinder aus zerrütteten Familien gezielt in pädophile Familien vermittelt werden? Kentlers Theorie besagt, dass diese sich liebevoll um die Kinder kümmern würden und hier mehr Durchhaltevermögen als andere Familien hätten. Wie vorherzusehen, kam es dann immer wieder zu Missbrauch an den Kindern (hier setzen Eberhardt und Jarmer an). Allerdings wurden entsprechende Hinweise der Jugendämter nicht weiterverfolgt. Bis zum Tode Kentlers 2008 gab es etliche Befürworter seiner Theorie.

Untersuchungen in Berlin und durch die Universität Hannover kamen erst 2015 bis 2019 in Gang. Kentler hatte wohl deutschlandweit ein enges Netzwerk, so dass immer noch nicht klar ist, wie viele Opfer es durch sein Wirken direkt oder indirekt gibt. Die Akten sind in der Regel schon wegen Verjährung vernichtet, was eine Aufarbeitung praktisch verhindert (hier wird im Eberhardt und Jarmer Band im Detail zu berichtet). In Berlin wurden seit Ende der 60er bis 2001 (oder je nach Quelle 2003) teils entsprechende Vermittlungen durchgeführt. Das alles erscheint so absurd, dass man es kaum glauben mag. Umso wichtiger ist es, dass die Autoren durch den Eberhardt und Jarmer Krimi hierdurch die Fälle einer breiten Leserschaft zugänglich machen. Eine tolle Idee, herzlichen Dank! (Das ist immer noch der reale Hintergrund und nicht die Eberhardt und Jarmer Fiktion der Krimi-Handlung, die das Ganze gut lesbar verpackt.)

Die Berliner Senatsverwaltung für Jugend und Familie war Vorreiter bei der zweifelhaften Umsetzung der Kentler-Theorien in die Praxis und finanzierte eine Reihe von pädophilen Männern als Pflegeväter. Allerdings hat der Fall eine größere Dimension. Es ist von einem bundesweiten Netzwerk an Mitwissern und Mittätern auszugehen. Dies betrifft auch entsprechende Fachgesellschaften, mit denen Kentler kooperiert hat.

Die Universität Hildesheim war federführend bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung und hat hier schon an vielen Stellen Licht ins Dunkel bringen können. An der Universität Hildesheim hat sich ein Projektteam um Prof. Dr. Meike Baader, Prof. Dr. Wolfgang Schröer, Dr. Julia Schröder, Dr. Carolin Oppermann an die Aufarbeitung gemacht. Und auch an der Leibniz Universität Hannover, an der Kentler gelehrt hatte, hat Rektor Prof. Dr. Epping die Aufarbeitung beauftragt. Hier hat die Universität Göttingen, namentlich Dr. Teresa Nentwig, die Quellen ausgewertet und berichtet. Zumindest in Sachen Aufarbeitung hat sich offensichtlich etwas getan. Trotzdem kann das Leiden der Betroffenen nicht rückgängig gemacht werden. Und es ist für mich absolut unverständlich, wie es dazu kommen konnte und die systematische Vermittlung in den Missbrauch so lange Bestand hatte.

Und die Vergangenheit reicht immer wieder in die Gegenwart. So wie bei Eberhardt und Jarmer thematisiert sind auf der einen Seite Akten aus den 1970er schon vernichtet und Entscheidungsträger aus den 1990ern heute weiterhin in Führungspositionen. Das Gutachten der Universität Hildesheim fasst zusammen als „Kindeswohlgefährdung in öffentlicher Verantwortung“. Die Verantwortung liege „eindeutig und unstrittig beim Senat als dessen Dienstherr“. Der reale Hintergrund des Eberhardt und Jarmer Krimis alleine verursacht schon Gänsehaut. So viel zu dem realen Justiz-Hintergrund des Krimis. Eine wirklich mutige und wichtige Eberhardt und Jarmer Idee von den beiden Autoren Schwieker und Tsokos.

Aber nun weiter mit der Eberhardt und Jarmer Krimi-Handlung, die als Fiktion die Elemente des Justiz-Skandals durchzieht. Rechtsanwalt Rocco Eberhardt beauftragt den Privatdetektiv und besten Kumpel Tobias Baumann. Tobias ist mit Roccos Schwester Alessia zusammen und ist später im Buch derjenige, der Rocco bittet weiter zu ermitteln. Er möchte, dass die Gerechtigkeit siegt. Dr. Justus Jarmer, der Pathologe in Berlin-Moabit hat die Wasserleiche von Grünwald auf dem Tisch und versucht sie zu identifizieren –  nun sind also Eberhardt und Jarmer auf der Pirsch. Die Leiche hat als besonderes Merkmal drei Brustwarzen (ja, wie Scaramanga aus James Bond). Autor Schwieker lässt es sich nicht nehmen die aufgequollene Masse mit teils abgelöster Haut im Detail und in bunten Farben im Eberhardt und Jarmer Band zu beschreiben.

Claudia Spatzierer Staatsanwältin und Roccos Ex-Flamme aus dem Studium beginnt zu ermitteln. Sie ist Mitglied der Abteilung Kapitalverbrechen der Staatsanwaltschaft in Berlin-Moabit, ihr Chef nennt das die „Champions League“ der Berliner Justiz. Parallel befindet sich SPD-Innensenator Markus Palme im Wahlkampf-Modus und möchte der nächste Berliner OB werden. Er möchte den Bau des Flughafens zum guten Ende bringen und ein Justiz-Skandal an dem er beteiligt war kann er nun als Letztes brauchen. In seiner Sicht ist Politik ein schmutziges Geschäft und es geht vor allem um das big picture.

Die beiden Rocco und Tobias sind so etwas wie Leo und Benni im Fall für Zwei aus Frankfurt (Eberhardt und Jarmer könnte also auch gut Eberhardt und Baumann heissen). Allerdings läuft die Kanzlei von Rocco besser und das Haupt-Duo sind hier (bei Schwieker und Tsokos) der Anwalt und der Pathologe (also Eberhardt und Jarmer). Auch der Flirt mit der Staatsanwältin kommt aus „Ein Fall für Zwei“ bekannt vor, funktioniert aber trotzdem gut. Claudia und Rocco treffen nach 15 Jahren erstmals wieder aufeinander. Rocco ist schon wieder ganz begeistert, warum hat er sich nicht schon früher bei ihr gemeldet? Claudia scheint viel reservierter, worüber Rocco quasi enttäuscht ist. Insgeheim denkt Claudia über ihr in Trümmern liegendes Privatleben nach. Hier ist noch viel Stoff für die nächsten Eberhardt und Jarmer Bände.

Wieviel Autobiografisches steckt in Eberhardt und Jarmer? Pathologe Jarmer hat ein Foto an der Wand in der Rechtsmedizin hängen, auf dem er bei der Arbeit nach dem Tsunami abgebildet ist. Tsokos war auch bei der Identifizierung dabei, freute sich über die Anerkennung von Außenminister Joschka Fischer für die Pathologen. Tsokos ist seit 2014 Botschafter des Deutschen Kindervereins, Jarmer engagiert sich auch im Kinderschutz. Tsokos war für zwei Jahre Zeitsoldat bei der Bundeswehr, Jarmer auch. Wieviel Tsokos steckt also in Jarmer? Wieviel Schwieker bei Eberhardt und Jarmer in Eberhardt steckt ist schwer zu fassen. Auch die Abgrenzung von realem Justiz-Skandal und der Krimi-Fiktion ist nicht immer sichtbar.

Hier finde ich persönlich die Erläuterungen bei Wolfgang Schorlau (Kreuzberg Blues) besser. Schorlau hat allerdings sehr viel enger an der realen Handlung geschrieben, Eberhardt und Jarmer haben hier viel freier gearbeitet. Ergänzend wären 10 Seiten als Anhang schön, die detailliert erläutern wo der Cut gemacht wurde. Versucht ein hochrangiger Politiker im Eberhardt und Jarmer Band Spuren und Zeugen zu vernichten? Hat er sich im Darknet einen Killer bestellt? Kann das durch Eberhardt und Jarmer bewiesen werden?

Hier bleiben einige Fragen offen, wieviel Dreck die Mitwisser und Mittäter wirklich am Stecken hatten. Trotzdem auf jeden Fall den Eberhardt und Jarmer lesen, ein gewaltiger Fall, der sich bis nach dem Jahrtausendwechsel in Berlin und darüber hinaus zugetragen hat. Toll in eine Krimihandlung verpackt, also ein Eberhardt und Jarmer Justiz-Krimi, den Ihr Euch nicht entgehen lassen solltet. Wer danach noch etwas weniger Tiefgründiges braucht, kann gleich „Das gekaufte Leben

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